musik und wodka
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text:
pixie (armin.siebert@emimusic.de)
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"Es gibt keine schlechte Musik,
es gibt nur zu wenig Wodka."

>>>>>>>>  Eine kleine Bestandsaufnahme der
russischen Rock- und Popmusik


Katjuscha hat einen Irokesenschnitt, Kalinka spielt E-Gitarre und die Don-Kosaken rappen dazu. Lenin was a DJ.

Tatsächlich würdet ihr eurer Märchenrußland heute nicht wieder erkennen. Zumindest in Moskau findet man die dekadentesten Clubs, die abgefahrensten Parties mit den neuesten Beats und den schrillsten Klamotten.
Aber laßt uns nicht zu sehr alte Klischees mit neuen zerstören.

Seit Ende 1998 gibt es Russki MTV, wo ca. ¾ westliche Clips laufen. Der Massengeschmack ist in Rußland ähnlich wie hier, auch dort sind die Favoriten z.Z. Ricky Martin, Jenifer Lopez, Offspring, Madonna oder Britney Spears. Besonders sprechen das russische Temperament harte, heiße oder schnulzige Sachen an. So war Heavy Metal im Osten (in Polen, Ungarn oder Bulgarien ähnlich) jahrzehntelang so groß wie nirgendwo anders auf der Welt. Im Jetzt sind entsprechend auch wieder "harte" Bands, wie Rammstein oder Scooter extrem erfolgreich in Rußland. Auf der anderen Seite gibt es einen riesigen Schlagerapparat, die sogenannte "Estrada". Zu Sowjetzeiten handelte es sich dabei um die staatlich geförderte Schlager/Popmusik, die die russischen Kessel Buntes füllte. Die Estrada unter Führung ihrer doch für das Metier angenehm durchgeknallten Fürstin Alla Pugatschova ist nach wie vor die dominierende Musik-Sparte. Auf heiße Sachen stehen die Russen wie gesagt ebenfalls, also kommen Latino-Welle und alles aus Italien oder Spanien auch immer gut an. Auch der "Ralph-Siegel-Sound" (Boney M, Dschingis Khan) und Modern Talking sind nach wie vor riesig beliebt in Rußland. Aber laßt uns zu angenehmeren Seiten des Landes kommen.

Während so bis vor zwei-drei Jahren noch alle mit sich selbst beschäftigt waren, rücken jetzt, zumindest musikalisch, die Ex-Sowjetrepubliken wieder näher zusammen. Das heißt, die Musik vom großen Bruder Rußland lief eh nach wie vor überall in den abtrünnigen Ländchen. Doch jetzt gelingt es auch wieder Bands aus Weißrußland (z.B. Ljapis Trubezkoi), Lettland (z.B. Biplan), der Ukraine (z.B. Vopli Vidopljazowa) oder Moldavien (z.B. Zdob Si Zdub) in Rußland Erfolg zu haben.

Vor allem diese Bands aus den gebeutelten Staaten bringen frischen Wind rein. Zdob Si Zdub z.B. verbinden Hardcore mit Folk und Popmelodien ganz im Geiste von "Schwarze Katze, weißer Kater". Vopli Vidopljazowa gestalten die Mischung ähnlich abgefahren. Überhaupt glänzen die Slawen ja meist damit, daß sie eine ganze Ecke abgedrehter sind, als westliche Künstler. Biplan aus Lettland spielen den besten Pop des Osten. Hit an Hit, britische Schule, Richtung Housemartins oder Groovy Cellar. Gefolgt von Multfilmy, die an die Inspiral Carpets erinnern (inkl. Orgel). In den letzten paar Jahren hat sich sehr viel getan in Rußland. Im historischen Kontext sind die Russen jetzt endgültig in der ‚Post'-Phase angelangt.

Dieser Artikel konzentriert sich mehr auf den Status Quo; trotzdem an dieser Stelle ein nötiger Mini-Exkurs in die Vergangenheit: Neben der erwähnten Estrada entwickelte sich in Rußland ernstzunehmend zuerst das Liedermacher-Genre. Wladimir Vyzotzki ist sicher den meisten ein Begriff. Daneben machte dann Ende der Sechziger die Beatmusik auf ihrem Weltfeldzug auch vor Rußland nicht halt. Russische Beatgruppen wurden jedoch ziemlich unterdrückt. Auf besonders fruchtbaren Boden fiel in den Siebzigern in Rußland Bombast- und Prog-Rock. In den Achtzigern speckten dann die besten dieser Bands zu dem ab, was gemeinhin mit russischem Rock assoziiert wird. Klassische Stadion-Rockbands, wie Maschina Wremeni, Aquarium, DDT, Aliza, Gorki Park oder Krematorii fuhren dann nach der Wende Anfang der Neunziger die Lorbeeren ein und hatten jetzt offiziell gigantischen Erfolg.

Genauso ging es der zweiten Generation von russischen
Superbands der Achtziger, die schon eher auf ganz unterschiedliche Weise alternativ mit Musik umgingen. Während sich die Klassiker eher zwischen Folk, Liedermacher, (Prog-)Rock und Hardrock bewegten, spielten Bands, wie Kino, Aukzion, Nol, Swuki Mu, Weschliwy Otkas oder Agata Kristi schon eher mit Indie, Jazz und Elektronik. Vor allem die Kultband Kino hatte dabei mit ihrer Mischung aus Joy Division und New Order internationales Niveau. Die geniale Liveband Aukzion war ja auch schon des öfteren in Deutschland zu Gast. Nol ist die beste Anarcho-Akkodion-Kombo und Agata Christie die beste Synthiepop-Band. Daneben sind vor allem die Punkbands aus Sibirien zu erwähnen, allen voran Graschdanskaja Oborona um den charismatischen Sänger Jegor Letow und dessen verstorbene Freundin Janka.

Tocotronic sind übrigens Fans von Letow
; ich habe mal eine Zeitlang Platten mit ihnen getauscht.
Weiterhin von den Achtzigern zu erwähnen sind Tschaif eine klassische, aber sehr gute (Folk-)Rockband, die Indieband Nautilus Pompilus (die spielten bereits 1990 mal live zusammen mit Sandow und Herbst in Peking in Cottbus!), Gari Zukatschow, der russische Tom Waits, und Laertski, eine Art singender Charles Bukowski, streng zensiert. Viele dieser Bands konnten damals nur bei sogenannten "Kwartirniki" (Wohnzimmer-Konzerten) auftreten.
Aber ich will den Rahmen des Artikels nicht sprengen.

Anfang der Neunziger kassierten die Dinosaurier-Bands der Achtziger ab und dann gab es eine große Leere. Ähnlich, wie in Ostdeutschland. Der gesellschaftlich bedingte Wegfall des prickelnden Untergrunds lähmte die Kreativität. Alles war plötzlich erlaubt, aber es interessierte keinen mehr in der Neuen Bunten Welt. Der Kommerz machte sich breit. Jede Menge Püppchen tauchten auf. Es dominierte ein mißlungener Spagat zwischen Estrada und billiger Westkopie, zur Genüge dokumentiert auf den russischen "Bravo-Hits" ("Sojus" Nr. soundso), von denen man zumindest mal einen haben sollte, da es wirklich ein perverses Vergnügen bereitet (auf einer Party bei uns im Westen garantiert der Brüller).

Die wahren Musikfans pflegten enttäuscht ihre alten Helden. Erst Mitte der Neunziger begann die russische Musik sich wieder zu fangen und ein Eigenleben zu entwickeln.
Erste neue Namen tauchten auf - Splin, Nogu Svelo, Mango-Mango, Tschisch&Co, die, wenngleich sie noch nicht super innovativ waren, so doch zumindest eigenes Profil hatten.
Einen ersten neuen Ruck gab es mit den Samplern und den folgenden Festivals "Utschites Plawatch 1+2" ("Lernt schwimmen") 1996. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch der Moskauer Sender "Radio Maximum". Wenngleich hier härtere Musik dominierte, so war doch das Meiste auf den beiden Compilations für Rußland sprunghaft progressiv. Scheinbar aus dem Nichts waren plötzlich jede Menge neuer Bands da, z.B. Wa-Bank oder Tequillajazz, die unverkrampft den Crossover wagten. Den endgültigen Neustart gab es 1998/99, wieder am besten dokumentiert auf einer Compilation-Reihe namens "Naschestwije 1-3" präsentiert vom Sender "Nasche Radio". Plötzlich gibt es eine Masse klasse russischer Bands. Nur noch Blick nach vorn. Die alte Starre ist abgeschüttelt. Es gibt eh nichts, woran man glauben kann, also machen wir einfach drauf los.

Es gibt jetzt alles in Rußland. Neben diesen richtig guten russischen "Alternativ-Bands" nenn ich's mal plakativ, gibt es erste Rap-Bands (Maltschischnik bzw. dessen Sänger Delfin solo), Reggae-Bands (Michai i Dschumandschi), Boygroups (Iwanuschki International) und Spice Girls (Strelki).

Neben einer Unzahl von neuen talentierten Bands gibt es auch wieder die ersten berechtigten Stars. Das, was Rußland jahrelang fehlte - Bands auf westlichem Niveau, die trotzdem ein eigenes russisches Profil haben. Allen voran zu nennen sind da Mumij Troll, Semfira und Mascha i Medwedi. Mumij Troll und Semfira haben ihre Alben in London und Mascha i Medwedi in Deutschland produziert. Der Sänger von Mumij Troll lebte vier Jahre in London und die Band klingt auch fast britisch (bis auf die Sprache). Die 22jährige Semfira hat eine phantastische, eher tiefe Stimme, großes Talent und ein Dutzend Ohrwürmer im Ärmel - ein Vergleich fällt mir nicht ein. Die gleichaltrige Mascha geht in Richtung Bobo in the white wooden houses. Diese Bands kann man, abgesehen von der Sprachbarriere, ohne Probleme im Westen anbieten, wie ich letztens auch getestet habe. Ohne spezielle Werbung im Uni-Slawisten-Klientel habe ich mal einen Abend lang auf das typische Indie-Publikum im Klub "Ilses Erika" in Leipzig ausschließlich russische Musik losgelassen - und es hat funktioniert!

Die meisten russischen Bands singen übrigens nach wie vor russisch (Englisch klingt bei ihnen auch meist schrecklich). Das ist gleichzeitig die markanteste Besonderheit russischer Musik - die Texte werden ungemein wichtiger genommen, als im englischsprachigen Raum oder auch bei uns (wo man ja schon genauer hinhört). Deshalb wird es da wohl immer ein Verstehens- und damit Akzeptanzproblem im Ausland geben.

Aber man kann Russenmucke inzwischen tatsächlich anbieten. Erste russische DJs (z.B. Fonar und Snyder&Co) legten vergangenes Jahr auf der Love Parade auf. Die Petersburger Elektronikszene um die Band Messer für Frau Müller wurde hervorragend dokumentiert auf dem in Deutschland auf What's so funny about erschienenen Sampler "Elektrus". Electronica, BigBeat, Easy Grooves, die nahtlos mit dem Westen mithalten können. Die Band Gosti is Buduschewo machen lecker House-Pop a la Everything but the girl. Iwan Kupala schafft es, vielleicht so wie in Spanien Hevia, Volksmusik (inklusive Frauenchor) mit modernem Elektronikarrangement und Beat zu verbinden, ohne die Authentizität zu verwässern oder gar lächerlich zu wirken. Die neue Band Sport bereitet allen Pixies-Fans eine Freude, Tanzy Minus und Kirpitschi nutzen den Pop zum Kampf gegen "Pops" (russische Bezeichnung für Kommerz-Pop) genauso clever, wie bei uns die Sterne oder Tocotronic.

Die Musikindustrie in Rußland ist nach wie vor ziemlich chaotisch. Vor allem das Fehlen einer zwingenden Rechtsprechung hält die meisten westlichen Plattenfirmen vor dem Schritt nach Rußland ab. Schwarzpressungen nationaler und internationaler Künstler kann man nach wie vor überall, z.B. auf dem gigantischen CD-Markt "Garbuschka" am Rande Moskaus, für wenig Geld kaufen. Es gibt auch ständige Urheberrechtsverletzungen. So wie es westliche Hits sofort schwarz auf CD gibt, taucht auch meist schnell eine russischer Coverversion des Erfolgstitels auf. Zumindest gibt es inzwischen einen Polygram-Ableger, ein EMI-Joint-Venture und Büros von Warner und BMG in Rußland, wenngleich deren Machenschaften (dem russischen Markt angepaßt) mehr als undurchsichtig sind.

Die Ballungszentren sind in Rußland nach wie vor Moskau und St. Petersburg. Es kommen zwar viele talentierte Bands aus der Provinz, z.B. aus Sibirien, aber ohne den Weg über Moskau haben sie meist keine Chance. Gute Klubs in Moskau sind z.B. Tabula Rasa, Ne bay konytom, Garbuschka, Bunker oder 16 Tonn. In Petersburg Moloko oder Poligon (siehe auch spbclub.da.ru).


>> Wichtige Musikzeitschriften sind:
- "M"("Musikalnaja Gaseta"),
- "Stereo&Video",
- "Schiwoi Swuk",
- "Music Box",
- "Ptutsch" (Dance-Techno) und
- das Musik-Lifestyle-Magazin "OM".


>> Interessantes im Internet findet man unter:
wahnsinzz.com
gute Musiknews und Hintergrundinfos auf Deutsch
Music.ru
Infos auf Russisch und Englisch zu den wichtigsten Bands und deren Veröffentlichungen inkl. Online-Bestellung
Nestor.minsk.by/mg
die Online-Variante der Musikzeitschrift "M" auf russisch
Ivanov.ru
E-Zine, sehr niveauvolle, analytische Artikel (a la Spex) auf Russisch
Rubl.ru
die Ultimate Band List für Rußland
Außerdem haben einzelne Bands eigene Homepages, z.B. mumijtroll.com oder semfira.com
Gute russische Suchmaschinen sind list.ru (z.B. Stichwort "Music" eingeben) oder rambler.ru


Rußland ist also langsam auch auf dem Weg in die Zukunft, wenngleich diese Wiedergeburt dort mit einer großen Spur Chaos verbunden ist. Aber gerade das macht es ja so reizvoll. Musikalisch wird es Zeit, daß dieses Land bei uns entsprechend präsentiert wird, und zwar weder unter "Weltmusik", noch unter "Folk". Rußlands Rock- und Popmusik ist bereits in Europa angekommen. Jetzt müssen wir nur noch die
Aufenthalts- genehmigung ausstellen.



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