www.abvmob.de 2004
 
 
Feature-Reihe über ungarische Musikszene


Weitere Folgen:

ON A RHYTHM JOURNEY
Wie sich die eigenwillige Band Besh-o-Drom im Etchno-Zirkus positioniert


home...

sitemap

 
text: kiesl & abv-ghostwriters | photo: kiesl, smedby


MIKROSZENE BUDAPEST


Ein eigenwilliger Querschnitt:
Von Plattenläden und Clubs, Produzenten und DJs



Vieles was musikalisch im Lande passiert, reduziert sich heute auf Budapest. Das war nicht immer so. Volksmusik im eigentlichen Sinne hatte vor dem Zweiten Weltkrieg in jeder Region ihre eigene Färbung. Davon unterscheidet sich moderne Musik unserer Tage. Diese konzentriert sich auf ein Zentrum, nicht selten die Hauptstadt. Wir starten hier einen Rundgang durch die Kapitale Ungarns und klären die Frage, ob Etchno als Kultur existiert oder ob es sich nur um eine Randerscheinung handelt.

Gerade junge Musiker lassen sich nicht nur von ungarischen und den in der unmittelbaren Umwelt liegenden Wurzeln beeinflussen.
Ausschnitt vom Albumcover "Világfa" von Hortobágyí László (FONO Rec.)
Vor allem indische, arabische und in jüngster Zeit mittelasiatische Elemente werden aufgenommen. Für die Etchno-Mischung ist der Musiker Hortobágyí László (oder auch El Horto) ein gutes Beispiel. 1999 kam es zu einer Zusammenarbeit mit der Vokalistin Lovász Irén. Ergebnis war die auf FONO RECORDS erschienene CD "Világfa" (engl. world tree).


This collection of music strives the
colorfulness of many layered
ancient hungarian
folk song to present .
- Lovász Irén

Die beiden präsentieren darauf ungarische Volksweisen, die sie nicht einfach nur neu vertonen oder nachspielen. Hortobágyí entwickelte Soundteppiche und aufreibende, raue Passagen mit allerlei Zupfinstrumenten und Percussions. Dazu hatte er Zugang zu Vokalmaterial aus ungarischen Archiven. Seine Produktionsweise ist gar nicht so weit entfernt von jener der Mikrosample-Ikonen Matmos. So werden die reichhaltigen musikalischen Traditionen und ihre Einflüsse dekonstruiert, und man glaubt anhand der Soundkulisse die Wanderungs-bewegungen der Ungarn nachvollziehen zu können. Die Stücke entfalten so ihre eigene reiche Energie - auch mit Dub als Stilmittel. Sie zeigen eine Möglichkeit auf, musikalische Traditionen zu erhalten, die sonst durch den "new world global whirlpool" (Lovász Irén) verwässert und verschwinden würden. Lovász Irén beherrscht den einzigartigen schneidenden, herausfordernden Sopran – ein Gesang, der typisch für originäre ungarische Volksmusik ist.

Ihre CD "Világfa" ist auch für die Protagonisten des eklektischen ungarischen Clubsounds wie z.B. die DJs Naga, Titusz und Palotai ein wegweisendes Werk. DJ Palotai ist der große alte Mann der ungarischen Clubszene. Dafür spricht seine Erfahrung (er öffnete den ersten nennenswerten Klub 1989 in Budapest), seine Plattensammlung, die Qualität seines Mixings und seine Soundauswahl sowie der Respekt, der im entgegengebracht wird. In seinen Sets spielt er sehr vielfältige und ungewöhnliche Stücke, die aber gerade in Ungarn wirken.

Diese Musik spielt nur für
diesen einen Tanz!
- Kiesl, euphorisch

Sein Beitrag zur Etchno-Mixtur ist seine Auswahl an Platten, in denen Ethno-Samples und tribalistische, perkussive Elemente charakteristisch sind. Stilistisch spielt er Housegrooves, TripHop und vor allem Breakbeats. Selbst langsamen Grooves schafft er Raum und lässt die Crowd mitschwingen und deren Bewegungen zu einer einzigen Welle formen.


Der Budapester Openair-Klub "West Balkan"

NOTE: Der Name "West Balkan" bildet eine perfekte Allegorie auf das kontemporäre Ungarn. Einem Land, das sich gerne im Licht des neuen Europas sieht und mit seinen gesellschaftlichen Ordnungsprinzipien im Westen angekommen ist. Und doch: Man schleppt hier noch Probleme aus dem alten Ungarn mit sich, und auch das Lebensgefühl vermittelt einen
Hauch vom entfernten "Balkan".

Das West-Balkan ist einer der Orte, wo der Etchno-Sound gelebt wird. Er erinnert irgendwievielleichtabernichtstark an das Yaam in Berlin.

1
2
1: DJ Palotai
2: Flyer zur Partyreihe "Rewind" mit DJ Palotai (2003)

Er ist ein einzigartiger Ausgeh-Ort, den man nie vergisst! Die Besonderheiten: er liegt im südlichen Buda, schräg gegenüber des neuen bizarren Nationaltheaters, wo nachts riesengroße Trucks vorbeirauschen. Ein Ort, an dem Budapest die Expo vorgesehen hatte und jetzt zwei ebenfalls bizarre Klötzer für die Elite-Universität erbauen ließ - Randbebauung, Belebungsversuche für einen Stadtteil voller Industrie. Der Weg dorthin in der Nacht lohnt sich schon aufgrund des Ambientes!

Das öffentliche Verkehrsmittel, das zum West Balkan führt, ist selbst organisiert. Von der Petöfi-Brücke kann man in Rikschas an der Donau entlang fahren, bis man nach einer Ralley in dem riesigen von Wasser eingeschlossenen Garten ankommt.

Getrocknetes Schilf umschlingt die Bar und den oberen Dancefloor. Unten stehen Buden und Stände, Gartenmöbel überall und ein Spielplatz. Circa 1.000 Leute können sich hier versammeln. Das Veranstaltungsprogramm ist bunt und stilreich. Adam Freeland, Besh o Drom, Anima Sound System und auch Quimby spielten schon hier, Palotai legte mit seinem Kumpanen Cadik und Gästen zum Rewind auf. Gerade bei den Konzerten quillt der Club dann über, während man bei reinem DJ-Programm sehr angenehme Nächte verbringen kann.

Jugendstilviertel zwischen Andrassy utca und Parlament

Afrofilia-Recordstore


Bewegen wir uns wieder in das Stadtzentrum von Pest, an einen zweiten Schauplatz, den Afrofilia-Recordstore. Dieser liegt angenehm ruhig in einem Hinterhof. Betreiber des Ladens ist Balázs, ein sympathischer junger Blondschopf, der immer so gekleidet war, als wollte er gerade seinen Plattenladen renovieren.

Dance music. And what are the origins of Dance? Folklore and Tribal music!
- Ladenphilosophie des Betreibers Balázs

Im Laden findet man neben einer breiten Breakbeat und Drum'n'Bass-Abteilung, auch eine ausführliche Sammlung des ungarischen FONO RECORDS. In den CD-Fächern stehen diverse Folklore und Ethno-Tonträger aus aller Welt. Es gibt neben Progressive-House auch 7inches mit Dancehall- und Reggae-Selections, und mittlerweile jede Menge hochwertige Jazzplatten. Nur Rock hasst Balázs, mal abgesehen von Krautrock! Bei meinem ersten Besuch im Afrofilia lerne ich neben DJ Titusz auch Vilmos, den Produzenten des Etchno-Samplers kennen.

An der Petöfi-Brücke

DJ Titusz

Titusz ist ein absolut musikalisches Talent, ein Realist, der sein eigenes Ding dreht. Er gehört fest zu dem Netzwerk des Tilos-Radios (dt. verbotenes Radio), arbeitet als DJ und Produzent. Er genoß eine Ausbildung im INI Studio, was besseres kann es für einen jungen Produzenten in Ungarn nicht geben. Er steht u.a. hinter dem HipHop-Projekt Belgä, und machte Arbeiten für Theater, Film und Cartoon. Daneben arbeitete er mit ungarischen Jazzgrößen zusammen. Er unterhält seine eigene Band namens Titusz és The Carbonfools, unter der eine Reihe seiner eigenen Tracks und Remixe - so auch Stücke für den Etchno-Sampler - veröffentlichte.

Oh du kleines Rad, du rundes Rad am Brunnen neben dem Tore, sage mir, wo mein Sohn, der Breakdancer ist. - Großartiger Anfangssatz zu "Paraszt" von DJ Titusz

Ein Stück von ihm findet sich auf der Etchno-Platte als Belgä-Track: Bei "Paraszt" (dt. [abwertend] Bauer) lässt Titusz einen sarkastischen und funktionellen Elektro-/ BigBeat-Sound vom Stapel. Haustiergeräusche von Kuh und Hahn, ein schepperndes bäuerliches Geräusch plus Dopebeat lassen den Kopf wippen, eine unidentifizierbares und verstimmtes Zupfinstrument setzen den Körper in Bewegung und zwei Bauern treiben Palinka-getränkt mit hackenden Hoppa-Rufen an!! Dazu spielt eine schiefe Melodie auf der Maultrommel. - Das ist Etchno in Reinform, das ist kein Klischeesound, das ist der Titusz-Sound, bei dem das Schwert hinter dem Lächeln verborgen ist.


"Saddam Churka" unter Nationalismusverdacht

Der zweite Titusz-Track auf dem Etchno-Sampler thematisiert präzise und ebenfalls sarkastisch das Thema Nationalismus: "Saddam Churka". Dieses Stück hat seine Rhythmusbasis im Dancehall. Ein Männerchor hinterlässt den Eindruck, in einem türkischen Musikfilm gelandet zu sein: Ungarischer Dancehall ist geboren! Fehlen nur noch die ungarischen Toastings! Bei "Saddam Churka" sind Arabian Riddims und Hungarian Songs musikalisch überzeugend und club-kompatibel miteinander verbunden. Und erinnern wir uns daran, dass es in der Musikgeschichte durchaus Anknüpfungen von arabischer und ungarischer Kultur gab: Schließlich waren die Türken knapp zweihundert Jahre in Ungarn.

Doch warum steht "Saddam Churka" unter Anti-Nationalismus-Verdacht? "Saddam" ist klar, ein verbrecherischer Schnauzbart, "Churka" ist der führende Rechtsaußen in Ungarn. Im Verbund mit den Hungarian Riddims und Arabian Songs ergibt das eine durchaus würzige Mischung.

Am neuen Stadion in Budapest, 2004


LINKS bei ABVMOB.DE:

What do you think is the normal way of pissing?

Konzertreview und Porträt zu QUIMBY

feature: breaks could be everything you want
Großes DJ- und Label-Porträt zu Chi Recordings, DJ Naga und die Szene in Budapest


LINKS:

West Balkan ;-)
Eigentlich Open-Air-Club in Budapest, kehrte in 2004 leider nicht mehr zurück, der beste Club Ungarns.

Trafo
Veranstaltungszentrum in Budapest für Theater,
Club und Galerie

Sziget-Festival
Mehrsprachige Page zum dem Schmelztiegel-
Festival in Ungarn

Afrofilia Recordstore
Plattenladen in Budapest, Dancemusik and what are the origins of Dance? - Folklore!

Tanztheater Tap-Szinház
Theater-Gruppe aus Budapest, die hinter dem Etchno-Tanztheater stecken

Radio C
Das Roma-Radio aus Budapest, mit einer gipsy Mischung aus Jazz, Clubsound, Folklore, Roma-Schlager, Asian Sounds etc. - "Wir Braunen zusammen"
Frequenz: 88,8 Mhz (Budapest)

Tilos Radio
Das "Verbotene" Radio in Budapest, D´n´B, Dancehall, House, Jazz usw., mit Budapester Dj- und Producerportraits
Incl.Live-Audiostream

Gypsyhouse Rec.
Hat die Sampler "Etchno" und
"Romano Trip" herausgebracht

Fono Records
Verdienstvolles ungarisches Label, mit einem Schatz an vor allem Folkloremusik aus Ungarn und Südosteuropa

Titusz
Dj und Producer aus Budapest, mit dem Schwert hinterm musikalischen Lächeln, Stile: Big Beat, Breakbeats, Progressiv House

Palotai
Der große alte Mann der ungarischen Clubszene, Mixe als mp3, winamp-Format auf seiner Homepage, Stile: Downbeat, Tribal, Breaks und Drum´n´Bass


TONTRÄGER/MUSIC:

Etchno - DUB.BASS.FOLKDANCE.HU
Gypsyhouse / Fono Records 2002

Hortobágyí László & Lovász Irén – Világfa
Fono Records 2000

Anima Sound System – gipsy sound clash
Hungaroton 2001

Másfél – Moni (Album Rmxs)
Bahia 2002

Másfél – radióbarátnö (remix maxi)
Bahia 2001


 
 
Über das Feature
Die Mixtur aus traditioneller und moderner elektronischer Musik entspricht einer Tendenz in Ungarn. Wir treffen uns irgendwo in dem Bereich zwischen ungarischer Folklore und aktuellem Klub-Sound.

Ausschlaggebend für diese Mixtur war auch das Tanztheaterstück Etchno.

 
 
 
 
Bindirbir.com Haberodasi.com e-esrar.com Gooqlone.com