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MIKROSZENE BUDAPEST
Ein eigenwilliger Querschnitt:
Von Plattenläden und Clubs, Produzenten und DJs
Vieles was musikalisch im Lande passiert, reduziert
sich heute auf Budapest. Das war nicht immer so. Volksmusik
im eigentlichen Sinne hatte vor dem Zweiten Weltkrieg in jeder
Region ihre eigene Färbung. Davon unterscheidet sich
moderne Musik unserer Tage. Diese konzentriert sich auf ein
Zentrum, nicht selten die Hauptstadt. Wir starten hier einen
Rundgang durch die Kapitale Ungarns und klären die Frage,
ob Etchno als Kultur existiert oder ob es sich nur um eine
Randerscheinung handelt.
Gerade junge Musiker lassen sich nicht nur von ungarischen
und den in der unmittelbaren Umwelt liegenden Wurzeln beeinflussen.
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| Ausschnitt vom Albumcover
"Világfa" von Hortobágyí
László (FONO Rec.) |
Vor allem indische, arabische und in jüngster Zeit mittelasiatische
Elemente werden aufgenommen. Für die Etchno-Mischung ist
der Musiker Hortobágyí László (oder
auch El Horto) ein gutes Beispiel. 1999 kam es zu einer Zusammenarbeit
mit der Vokalistin Lovász Irén. Ergebnis war die
auf FONO RECORDS erschienene CD "Világfa" (engl.
world tree).
This collection of music strives the
colorfulness of many layered
ancient hungarian
folk song to present . - Lovász Irén
Die beiden präsentieren darauf ungarische
Volksweisen, die sie nicht einfach nur neu vertonen oder nachspielen.
Hortobágyí entwickelte Soundteppiche und aufreibende,
raue Passagen mit allerlei Zupfinstrumenten und Percussions.
Dazu hatte er Zugang zu Vokalmaterial aus ungarischen Archiven.
Seine Produktionsweise ist gar nicht so weit entfernt von
jener der Mikrosample-Ikonen Matmos. So werden
die reichhaltigen musikalischen Traditionen und ihre Einflüsse
dekonstruiert, und man glaubt anhand der Soundkulisse die
Wanderungs-bewegungen der Ungarn nachvollziehen zu können.
Die Stücke entfalten so ihre eigene reiche Energie -
auch mit Dub als Stilmittel. Sie zeigen eine
Möglichkeit auf, musikalische Traditionen zu erhalten,
die sonst durch den "new world global whirlpool"
(Lovász Irén) verwässert und verschwinden
würden. Lovász Irén beherrscht den einzigartigen
schneidenden, herausfordernden Sopran – ein Gesang,
der typisch für originäre ungarische Volksmusik
ist.
Ihre CD "Világfa" ist auch
für die Protagonisten des eklektischen ungarischen Clubsounds
wie z.B. die DJs Naga, Titusz und Palotai ein wegweisendes
Werk. DJ Palotai ist der große alte Mann der ungarischen
Clubszene. Dafür spricht seine Erfahrung (er öffnete
den ersten nennenswerten Klub 1989 in Budapest), seine Plattensammlung,
die Qualität seines Mixings und seine Soundauswahl sowie
der Respekt, der im entgegengebracht wird. In seinen Sets
spielt er sehr vielfältige und ungewöhnliche Stücke,
die aber gerade in Ungarn wirken.
Diese Musik spielt nur für
diesen einen Tanz! - Kiesl, euphorisch
Sein Beitrag zur Etchno-Mixtur ist seine Auswahl
an Platten, in denen Ethno-Samples und tribalistische, perkussive
Elemente charakteristisch sind. Stilistisch spielt er Housegrooves,
TripHop und vor allem Breakbeats. Selbst langsamen Grooves
schafft er Raum und lässt die Crowd mitschwingen und
deren Bewegungen zu einer einzigen Welle formen.
Der Budapester Openair-Klub
"West Balkan"
NOTE: Der Name "West Balkan" bildet
eine perfekte Allegorie auf das kontemporäre Ungarn.
Einem Land, das sich gerne im Licht des neuen Europas sieht
und mit seinen gesellschaftlichen Ordnungsprinzipien im Westen
angekommen ist. Und doch: Man schleppt hier noch Probleme
aus dem alten Ungarn mit sich, und auch das Lebensgefühl
vermittelt einen
Hauch vom entfernten "Balkan".
Das West-Balkan ist einer der Orte, wo der Etchno-Sound
gelebt wird. Er erinnert irgendwievielleichtabernichtstark
an das Yaam in Berlin.

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1: DJ Palotai
2: Flyer zur Partyreihe "Rewind" mit DJ Palotai
(2003) |
Er ist ein einzigartiger Ausgeh-Ort, den man
nie vergisst! Die Besonderheiten: er liegt im südlichen
Buda, schräg gegenüber des neuen bizarren Nationaltheaters,
wo nachts riesengroße Trucks vorbeirauschen. Ein Ort,
an dem Budapest die Expo vorgesehen hatte
und jetzt zwei ebenfalls bizarre Klötzer für die
Elite-Universität erbauen ließ - Randbebauung,
Belebungsversuche für einen Stadtteil voller Industrie.
Der Weg dorthin in der Nacht lohnt sich schon aufgrund des
Ambientes!
Das öffentliche Verkehrsmittel, das zum West Balkan
führt, ist selbst organisiert. Von der Petöfi-Brücke
kann man in Rikschas an der Donau entlang
fahren, bis man nach einer Ralley in dem riesigen von Wasser
eingeschlossenen Garten ankommt.
Getrocknetes Schilf umschlingt die Bar und den oberen Dancefloor.
Unten stehen Buden und Stände, Gartenmöbel überall
und ein Spielplatz. Circa 1.000 Leute können sich hier
versammeln. Das Veranstaltungsprogramm ist bunt und stilreich.
Adam Freeland, Besh o Drom, Anima Sound System und auch
Quimby spielten schon hier, Palotai legte mit seinem
Kumpanen Cadik und Gästen zum Rewind auf. Gerade bei den
Konzerten quillt der Club dann über, während man bei
reinem DJ-Programm sehr angenehme Nächte verbringen kann.
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| Jugendstilviertel zwischen
Andrassy utca und Parlament |
Afrofilia-Recordstore
Bewegen wir uns wieder in das Stadtzentrum von Pest, an einen
zweiten Schauplatz, den Afrofilia-Recordstore. Dieser liegt
angenehm ruhig in einem Hinterhof. Betreiber des Ladens ist
Balázs, ein sympathischer junger Blondschopf, der immer
so gekleidet war, als wollte er gerade seinen Plattenladen renovieren.
Dance music. And what are the origins of Dance? Folklore and
Tribal music! - Ladenphilosophie des Betreibers Balázs
Im Laden findet man neben einer breiten Breakbeat und Drum'n'Bass-Abteilung,
auch eine ausführliche Sammlung des ungarischen FONO RECORDS.
In den CD-Fächern stehen diverse Folklore und Ethno-Tonträger
aus aller Welt. Es gibt neben Progressive-House auch 7inches
mit Dancehall- und Reggae-Selections, und mittlerweile jede
Menge hochwertige Jazzplatten. Nur Rock hasst Balázs,
mal abgesehen von Krautrock! Bei meinem ersten Besuch im Afrofilia
lerne ich neben DJ Titusz auch Vilmos, den Produzenten des Etchno-Samplers
kennen.
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| An der Petöfi-Brücke |
DJ Titusz
Titusz ist ein absolut musikalisches Talent, ein Realist,
der sein eigenes Ding dreht. Er gehört fest zu dem Netzwerk
des Tilos-Radios (dt. verbotenes Radio),
arbeitet als DJ und Produzent. Er genoß eine Ausbildung
im INI Studio, was besseres kann es für einen jungen
Produzenten in Ungarn nicht geben. Er steht u.a. hinter dem
HipHop-Projekt Belgä, und machte Arbeiten für Theater,
Film und Cartoon. Daneben arbeitete er mit ungarischen Jazzgrößen
zusammen. Er unterhält seine eigene Band namens Titusz
és The Carbonfools, unter der eine Reihe seiner eigenen
Tracks und Remixe - so auch Stücke für den Etchno-Sampler
- veröffentlichte.
Oh du kleines Rad, du rundes Rad am Brunnen neben dem Tore,
sage mir, wo mein Sohn, der Breakdancer ist. - Großartiger
Anfangssatz zu "Paraszt" von DJ Titusz
Ein Stück von ihm findet sich auf der Etchno-Platte als
Belgä-Track: Bei "Paraszt" (dt. [abwertend]
Bauer) lässt Titusz einen sarkastischen und funktionellen
Elektro-/ BigBeat-Sound vom Stapel. Haustiergeräusche
von Kuh und Hahn, ein schepperndes bäuerliches Geräusch
plus Dopebeat lassen den Kopf wippen, eine unidentifizierbares
und verstimmtes Zupfinstrument setzen den Körper in Bewegung
und zwei Bauern treiben Palinka-getränkt mit hackenden
Hoppa-Rufen an!! Dazu spielt eine schiefe Melodie auf der
Maultrommel. - Das ist Etchno in Reinform, das ist kein Klischeesound,
das ist der Titusz-Sound, bei dem das Schwert hinter dem Lächeln
verborgen ist.
"Saddam Churka" unter Nationalismusverdacht
Der zweite Titusz-Track auf dem Etchno-Sampler thematisiert
präzise und ebenfalls sarkastisch das Thema Nationalismus:
"Saddam Churka". Dieses Stück hat seine Rhythmusbasis
im Dancehall. Ein Männerchor hinterlässt den Eindruck,
in einem türkischen Musikfilm gelandet zu sein: Ungarischer
Dancehall ist geboren! Fehlen nur noch die ungarischen Toastings!
Bei "Saddam Churka" sind Arabian Riddims und Hungarian
Songs musikalisch überzeugend und club-kompatibel miteinander
verbunden. Und erinnern wir uns daran, dass es in der Musikgeschichte
durchaus Anknüpfungen von arabischer und ungarischer
Kultur gab: Schließlich waren die Türken knapp
zweihundert Jahre in Ungarn.
Doch warum steht "Saddam Churka" unter Anti-Nationalismus-Verdacht?
"Saddam" ist klar, ein verbrecherischer Schnauzbart,
"Churka" ist der führende Rechtsaußen
in Ungarn. Im Verbund mit den Hungarian Riddims und Arabian
Songs ergibt das eine durchaus würzige Mischung.
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| Am neuen Stadion in
Budapest, 2004 |
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