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Feature-Reihe über ungarische Musikszene


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MIKROSZENE BUDAPEST
Ein eigenwilliger Querschnitt: Von Plattenläden und Clubs, Produzenten und DJs


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text: kiesl & abv-ghostwriters


ON A RHYTHM JOURNEY


Wie positioniert sich die eigenwillige
Band "Besh o Drom" im Etchno-Zirkus



Auf der Bandebene gibt es in der ungarischen Szene seit längerem interessante Entwicklungen zwischen traditionell und modern. Mehrere großartige Formationen haben so in den 80ern und 90ern einen einzigartigen und direkten Sound kreiert, oft auch auf elektronischer Basis.

Bei Másfél zum Beispiel bilden gefilterte psychedelische Sequenzen den atmosphärischen und rhythmischen Background der Stücke und Kampec Dolores verarbeiten ungarische Melodien und Vocals in einem verspielten Sound, wobei sie auch gerne analoge Drum-Machines nutzten. In dem Abriss über die ungarische Mikroszene wollte ich eine Band etwas genauer vorstellen.

Charakteristisch für sie sind die markanten Bläsersätze: eine Brass-Band ist in Ungarn wirklich etwas Ungewöhnliches. In der ungarischen Folklore dominierten seit jeher Violine, Cimbalom und Gesang. Ihr erstes Album "Macsó Hímzés" erschien auf FONO RECORDS und hat in Ungarn Platin (für mehr als 80.000 verkaufte Einheiten!) bekommen. Auf diesem Album bot man vor allem fette und spontane Balkanblasmusik.

Ihre Spielfreude trieb sie zu gewagten Experimenten. In einem Stück des Albums scratcht DJ Mango: Ein ungewöhnlicher Track mit Mikroscratchings, Jungle-Rhythm, dem typischen Bläsersatz und fantastischem Gesang von Szalóki Ágnes, der dem Stück den Charme eines arabischen Volksliedes verleiht.

Das aktuelle Album
"Nekemtenemmutogatol"
heisst dt. soviel wie "Läßt mich kalt"

Das neue Album ist auf dem Berliner Label Asphalt Tango erschienen und besticht mit noch vielseitigerem und professionellerem Sound.

Auch hat man sich wieder DJ Mango ins Studio geholt. Hier sind seine Cuts und Scratchings nichts wirklich Neues, aber in dem Klangkontext wirken sie ungewöhnlich und treibend. Überdies rappt Mango auf einem Stück gemeinsam mit seinem Kumpel MC Busa (dt. buscha, ein klasse MC!) bestechende Lyrics. Den Refrain dazu rufen Besh o Drom im Chor, komischerweise mit sehr viel ungarischer "Sexualsprache", die man dagegen vom Rapper Mango so nicht hört. Hip-Hop-Elemente favorisiert gerade der Kopf der Band, Barcza Gergo, der darin einen Teil der Aktualität von Besh o Drom sieht. Er sieht die Pole nicht zwischen modern gleich elektronisch und traditionell gleich akustisch.

Ich denke, dass akustische und folkloristische Musik heute sehr modern sein kann. Dagegen ist elektronische Musik nun auch schon alt und folgt hergebrachten Mustern. Wenn etwas modern sein will, dann darf es nicht nur elektronisch sein oder einfach nur elektronische Elemente einsetzen. Für Besh o Drom würde ich schon sagen, dass wir sehr progressiv sind. Traditionell sind die Melodien, die wir verwenden. Aber unsere Ausdrucks- und Spielweise ist modern.

Viele Wege gab es bisher nicht, traditionelle und folkloristische Musik zu transportieren. In Ungarn kristallisierten sich ein Paar Wege heraus: erstens die streng traditionell ausgerichtete Kapelle, zweitens den Weg wie ihn z.B. Romano Drom beschreiten (Folklore mit einem gewissen Klischee aufzuladen) oder drittens eine aufarbeitende, eher experimentierende Variante (z.B. die Band Múzsíkas).

Besh o Drom versuchen einen anderen, autarken Weg. Teilweise vermitteln sie das Gefühl der Zigeunerband von der Straße. An anderer Stelle hören sich die Bläsersätze dann nach Fusionfunk an. Bass- und E-Gitarre stehen eher für Rock, betont Gergo. Beide dominieren den Bandsound aber nicht, ordnen sich in die Rhythmusfraktion ein.

Komplexe, gebrochene Rhythmen: klassisch für südosteuropäisch und arabisch beeinflusste Musik. Für diese steht nicht nur der verschmitzte Bauchtrommler von Besh o Drom

Entscheidend ist ihnen die Gesamtwirkung und ein druckvoller Sound! Dennoch wirkt der verspielte und komplexe Sound manchmal etwas verkopft. Die einzelnen Instrumentenfraktionen spielen gegeneinander an, die Songs sind sehr wechselhaft, verbunden mit häufigen Tempowechseln.

Das klingt von Außen betrachtet vielleicht Angst einflößend: "Was, so eine intellektuelle Mucke, wie soll man da tanzen?" Die sprunghaften Klangkonstellationen, Brüche und Rhythmuswechsel funktionieren aber überraschend gut! Die Crowd wird immer wieder vom Neuen zum Tanzen mitgerissen.

Als Ausgangspunkte für die Stücke des neuen Albums suchten sich Besh o Drom jeweils Rhythmen und Melodien aus verschiedenen Musikkulturen, u.a. aus Ländern wie Mazedonien, Bulgarien und Rumänien, aber auch aus dem Libanon und Afghanistan. Das hebt die Platte von anderen "Balkanbands" stark ab.

Ich fragte den Bandchef Gergo nach der Verbindung zwischen diesen gegensätzlichen Kulturen:. Daraufhin antwortete er etwas ausweichend, es ginge ihnen nicht um Exotik. Waren es vielleicht die Konflikte in den Ländern während der 90er Jahre (Afghanistan, Moldavien, Mazedonien), die das Interesse an diesen Einflüssen gefördert haben? Die Konflikte wären kein Leitmotiv, sagte er. Es ginge ihnen immer um interessante Musik: "Vielleicht ist es wirklich so, dass gute traditionelle Musik da entsteht, wo Leute in Konflikten stehen oder Probleme haben. In Ungarn spielt man heute zum Beispiel kaum traditionelle Musik, auch nicht auf Hochzeiten. Diese hat dann schon nichts mehr mit den ursprünglichen Emotionen zu tun. Ursprüngliche ungarische Musik hört man heute höchstens noch in Siebenbürgen."

In den 90er Jahren war diese Musik in Afghanistan verboten. Solche Aktionen bedauere ich. Weißt du, wenn solche Melodien durch menschliche Blödheit verschwinden. - So erklärt Gergo den BeshoDrom-Song "Afgan", der auf einer afghanischen Melodie aus den 70er Jahren beruht.

Ausschnitt vom Albumcover von BeshoDrom

Doch wie kommt man an dieses Musikmaterial heran? Ursprüngliche Musik aus Mittelasien und Südosteuropa ist noch relativ unentdeckt, sie ist nicht einfach zu finden und zu beziehen. Es gibt einfach keine Vertriebe, so wie wir sie kennen. Für Gergo löst sich das Problem so: "Ich bekomme viele Platten und Kassetten, die die Leute in Budapest weitergeben. Viele Freunde von mir haben gerade solche Musik in ihren Plattensammlungen. Die Kette läuft dann so: weitergeben, anhören, entdecken und ausprobieren. Nekem nincs masik (dt. Es gibt nichts weiter dazu zu sagen)". In Budapest lernt man in Plattenläden viele Leute kennen, die oft unterwegs sind.

"Außerdem kenne ich viele Leute, die riesige historische Plattensammlungen haben. Überhaupt gibt es in Budapest riesige Lager, mit Platten gerade aus dem mittleren Osten, Indien, Arabien und Südosteuropa."

Ungarn also als riesiges Plattenarchiv der östlichen Musik? Meiner Meinung nach klärt das einiges zum Thema Musik in Ungarn. Es klingt fast so, als sei Ungarn ein historisches Transitgebiet für mittelasiatische und andere Musik. Wenn man sich die ungarische Musikszene anschaut, dann fällt auf, dass viele auch international bekannte ungarische Acts multi-ethnisch beeinflusst sind. Selbst im ungarischen Mainstream sind die üblichen globalen Trends Latin, Reggae oder African weniger bedeutend – gegenüber asiatischen, arabischen und osteuropäischen Einflüssen.

Auch wenn Besh o Drom Platin erreicht haben, fällt es schwer, sie dem Mainstream zuzuschreiben. Obwohl der Erfolg natürlich für die ungarische Musiklandschaft spricht.

Trotz der Popularität sind sie noch immer auf der Suche, wie auch ihr Name sagt: on the road. Das führte sie auch nach Berlin, zu ihrem neuen Label Asphalt Tango, das ihnen auf ihrem internationalen Weg sicher hilfreich sein wird. Ob sie sich zur Unterstützung ihrer Bekanntheit auch Remixe von ihren Tracks vorstellen könnten, frage ich: "Nein, Remixe sind eine sensible Angelegenheit. Wir werden nicht einfach jemanden einen Remix machen lassen, sondern mit ihm zusammenarbeiten." - Was soll man dazu sagen...


LINKS:
Besh o Drom
Homepage der Band Besh o  Drom.
Mit Soundbeispielen.

Fono Records
Verdienstvolles ungarisches Label, mit einem Schatz an vor allem Folkloremusik aus Ungarn und Südosteuropa

Asphalt Tango
Das deutsche Label von Besh o Drom und weiteren Brass- oder Balkanbands, Sublabel von Piranha Records

in den Song AFGHAN reinhören
Songausschnitt als mp3, Quelle: Asphalt Tango
Labelhomepage


 
 
Über das Feature
Die Mixtur aus traditioneller und moderner elektronischer Musik entspricht einer Tendenz in Ungarn. Wir treffen uns irgendwo in dem Bereich zwischen ungarischer Folklore und aktuellem Klub-Sound.

Ausschlaggebend für diese Mixtur war auch das Tanztheaterstück Etchno.
 
 
 
 
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