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Label- & DJ-Portrait
Chi Recordings, Budapest

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text: kiesl


"breaks could be everything you want"
Chi Recordings, DJ Naga und die Szene in Budapest

Teil 3:
Abrakadabra am Mittwochabend


Und natürlich betreibt Naga im Namen von Chi neben seinen anderen alltäglichen Auftritten einen eigenen Clubabend: Ablak a Dubra (dt. Das Fenster zum Dub) ist eigentlich die beständigste Clubreihe in Budapest. Jeden Mittwoch, Sommer wie Winter liegt ein Schiff, in Budapest.

Die meisten anderen Clubs und Partyreihen sind entweder vergänglich oder saisonal existent: im Sommer ist man draußen (so wie der großartige West Balkan) und im kontinental kalten Winter drinnen (Trafó mit seinen vielen Räumen oder dem G-Pont). Eigentlich müsste Ablak a Dubra vielmehr ablakak heißen, also mehrere Fenster, die Naga in Richtung Dub aufmacht. Seine DJ-Sets reichen von Breakbeat-Steppern über Dubtech bis hin zu Progressive House.

Ecclectic Sounds versus Styledropping, einem Begriff über den wir beide an dem Nachmittag in Budapest sehr oft sprachen. Oft und gern lässt er bei seinen Auftritten den aufgebauten Spannungsbogen reißen und baut sogar auf den Höhepunkten des Sets Stücke seiner geliebten Helden King Tubby oder Lee Perry ein. Wesentlich sind bei ihm klare Sounds in den Stücken, jeder Ton jede Sequenz braucht seinen Raum über einer Wolke aus Bass, Atmosphäre und Rhythmuspattern. Auch wenn man auf dem Dancefloor ist, muß das noch lange nicht zum Eskapismus veranlassen.

Diese Devise gilt glaube ich auch für die EPs die bis jetzt auf Chi erschienen sind. Damit sind wir nach den Soloalben und den Chi Classic Samplern beim dritten Baustein des Labels und vollenden somit das Gesamtwerk.

Vinylpressungen als Ausnahmefall

Das große Problem von Labels in Mittel- und Osteuropa, die elektronische Musik aber auch Hip Hop und andere Clubsounds veröffentlichen ist immer noch ihre Sachen in die kaufkräftigen westlichen Plattenläden und schließlich in die Clubs und Wohnzimmer zu tragen. Üblicherweise - und mehr kann man sich einfach nicht leisten - wird alles auf CD aber auch auf Tape veröffentlicht. Nur in Ausnahmefällen gibt es etwas Vinyl. Diesen Zwang konnten nur wenige Labels wie das polnische Recognition, das von Russen betriebene Vortex oder das slowenische Tehnika überwinden. Chi veröffentlicht ebenfalls regelmäßig auf Platte. Der Weg dafür ist kompliziert, und man ist auf der Suche nach einem Anderen. Derzeit läuft alles über England (wie auch bei Subscope) und dabei geht natürlich einiges schief. Aber man ist auch nicht böse. Man nimmt es hin. Für Naga zählt zuerst einmal die Option: "Da ist der Typ in London - Dennis. Wir haben schon länger gute Kontakte.

Er versucht einen Vertrieb aufzubauen, von klein auf, dabei möchte er am besten alles machen (Cutten, Pressen, Cover und Vertrieb, sic!). Aber dafür hat er eine lose und chaotische Organisation. Der Name des Vertriebs ist Waxworks."

Sie haben zuerst drei EPs an Waxworks in Lizenz gegeben. "Dennis ist Schwarzer, weißt du, alles ist ok, er will alles machen, sagt immer ja, wir schreiben ihm alles fünf Mal, aber dann vergisst er das. Und schon ist alles anders. Eine Platte die auf 33 laufen sollte, wurde so 45 gepresst." Aber trotz der Friktionen scheint der Vertrieb in England gut zu laufen. Naga sagte, dass die Insel sehr gut mit Chi-Vinyl abgedeckt ist. Nur in Deutschland verkaufen sie wenig - in ganz Deutschland vielleicht soviel wie in Budapest!

Bisher sind meines Wissen mindestens sechs Vinyl-EPs von Chi erschienen. Einmal läuft eine Serie unter dem Namen "Cup of Chi" vor allem mit Tracks der Chi Crew: Amb, Naga, Raster und Fine Cut Bodies. Die Tracks - jedenfalls auf ‚Cup 2' und ‚4' - sind ausnahmslos Hammerteile. Daneben wurde noch zwei EPs mit Remixen zu "Dub Local" veröffentlicht, die nicht ganz die Brillanz von "Cup of Chi" haben. Aber auf beiden gibt es jeweils ein richtig gutes Stück: der FCB-Remix von Nagas Nobogadjamin Hotep und eine "Raster"-Bearbeitung von dem Amb-feat-Kiss-Erzsi-Track Moxa.

Ziel der Vinyl-EPs war es, funktionelle tanzflächenorientierte Clubsounds zwischen Drum'n'Bass, Breakbeat, Pumpin House und Downbeat zu featuren. Aber dabei verlor man das Klassenziel nie aus dem Auge:

1. Das Experimentieren mit Rhythmen. Egal ob Breakbeat, Downbeat, Dub oder Reggae basierte Offbeats und - dazu steht Naga - der gute alte gerade Beat, 4 to Floor. Sogar 2Step ist - zumindest das Rhythmuspattern - erlaubt. In einem Track von Naga für den Soundtrack zum Film ‚Moskva Tér' wagt sich Naga auch an einen Dancehall Riddim heran, und kreiert dabei was ganz neues - Dancehall im Sinne des zweiten Chi Kriteriums:

2. Der atmospherische und auf verwobenen Sequenzen und Bassläufen basierende Sound. Selbst dem Sampling misst Naga dabei eine nicht unkritische Bedeutung zu: "I like sampling, but it needs an interior reason to use it, not to place it there and there. I often describe my concept in producing the tracks with an Membran, you know. There has to be a Membran on the track to hold it in form".

Zum Abschluss noch mal eine gewagte These,
weil über die Idee des Namens "Chi" bisher noch nichts geschrieben wurde: Chi soll eine Mixtur an Stilen sein, die Sequenzen kennt man vielleicht von Goa-Track, der Bass ist House ... Der eigentliche Stil ist dabei egal. Es sind alles Mittel, um am Ende auf eines zu erreichen - Energy. "Verstehst du, Chi - Energy. Die Konzeption, die ich dahinter sehe, ist in fernöstlichen Kulturen verwurzelt. Chi - Chinese". Mit diesem Geiste ist das Label Chi in der lokalen ungarischen Musikkultur definitiv nicht alleine. Die Faszination für Indische, vorder- und mittelasiatische Musik und Ideen haben in Ungarn durchaus Tradition, z.B.: Bands und Labels wie Korai Öröm, Uzgin Üver, Trottel. Und dieser Musikerkreis ist Naga und den Chi-Leuten nicht fremd. Dass unterscheidet sie von anderen Elektroproducern des Landes, und so vermitteln sie ihren Teil zu meinem farbenprächtigen Ungarnbild.

Der Budapester Underground ist, wie auch das hochgeschätzte EU-Beitrittsland selbst hoch konzentriert und steht auch in Zukunft für höchste Qualität. Das kann man nicht anders sagen. Fehlen bloß die Investoren für den Export der Produkte. Chi hat da schon einen Weg gefunden. Das ist kein Schnellbrenner!

Also: Unbedingt "Styledrop" auf Vinyl veröffentlichen!!!

PS: Der Artikel wird im April 2003 als Printversion ebenfalls im Zonic-Fanzine aus Greifswald, erscheinen.

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