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"breaks could be everything you want"
Chi Recordings, DJ Naga und die Szene in Budapest
Teil 1:
Naga - viel habe ich mir vorgestellt in einen Jahr des Herantastens
an die ungarische Szene. Namen, Tonträger, Sziget-Festival,
Flyer. Naga bekam schon im ersten Teil des Prozesses seinen Platz.
Er war bis dahin virtuell, als Name aber omnipräsent. Vom ersten
Moment an weckte dieses Pseudonym Interesse. Im Sommer 2001 hörte
ich ein Stück auf dem Soundtrack zu dem ungarischen Film "Moskvá
Tér" (dt. "Moskauer Platz"), noch heute mein
Lieblings-Naga-Stück. Ansonsten war Naga für mich DJ in
Budapest, aber der wichtigste und stilprägendste.
Im Dezember 2001 hörte ich erstmals von Chi Recordings, dem
Breakbeat-, Dub-, Psychedelic-Elektro- und Sonstwassound-Label von
Naga.
Chi Recordings soll der Kontext des folgenden Artikels sein, aber
bedingt durch die Vorgeschichte führt kein Weg an einer Personifizierung
der Sache vorbei.
Getroffen habe ich Naga - studierter Kulturwissenschaftler/ Anthropologe,
Budapester Dj, Musiker und Labelbetreiber - erstmals im August 2002
durch Zufall im Trancewave Recordstore in der Revaly utca direkt
gegenüber der Basilika: Ein kleiner, schmächtiger Typ
mit einem verdammt netten, interessierten Gesicht schwarzen Haare
und tiefsitzenden, orientierungssuchenden Augen. Er kam gerade aus
dem Studio, in Begleitung von Kevin, der im Folgenden als drittes
Chi-Mitglied Fine Cut Bodies (FCB) auftreten wird.
"Mathias, den ganzen Tag im Studio, ich bin völlig
breit", gab mir Naga entschuldigend zu verstehen,- eben
orientierungslos - immer noch den richtigen Sound, Sequenzen im
Raum des engen Trancewave suchend. Am Folgetag trafen wir uns dann
für einen ganzen Nachmittag. Erst im Café Edermann am
Goethe-Institut, dann wanderten wir durch die Straßen und
schließlich landeten wir in einem Hinterhof, der plötzlich
wie eine andere Welt aus einer vergangenen Zeit in diesem teuflischen,
fahrradunfreundlichen Budapest war. Der Hinterhof inmitten eines
zweietagigen Vierflügel-Gebäudes mit Balkonrundgang -
vermittelte mir die Stimmung, in einem mitteleuropäischen Fürstenhof
vor 400 Jahren zu sein. Sommerabend, der Hof ein großes Café,
voller Leute, junge Leute, keine Touristen und eine angenehme Atmosphäre
- angenehm mitten im staubig-hitzig lautem Budapest.
Hier fand gerade ein Treffen von "Tilos Radio"
statt: das "verbotene Radio" hatte seine Frequenzen verloren
zu Zeiten der Fidesz-Regierung, teils selbstverschuldet. Jetzt hat
es wieder eine Frequenz in Budapest und ist ansonsten im Internet
zu hören. Trotz alledem ist Tilos weiterhin ein wichtiges Netzwerk,
"basisdemokratisch geleitet": keiner weiß, wer überhaupt
was zu sagen hat. Neben einigen anderen wichtigen ecclectic Djs
(Palotai, Titusz, Mango, Keyser & Shuriken), die über den
natürlich auch in Ungarn obligatorischen Techno und Trance
hinausgehen, verbindet auch Naga viel mit dem Sender. Auf der Homepage
und im Programm finden sich regelmäßig aktuelle Naga-Mixe.
Für Naga und die Szene ist Tilos ein wichtiges Kommunikationsorgan.
Aber sie alle sind die 90er-Szene Budapests, die Verständnis
sucht, Leute erreichen will, Stilgrenzen übertritt. Es geht
nicht einfach nur um ihr Ding. Genau so ein Typ ist Naga und genau
das trifft auch auf Chi Recordings zu.
Der Balázs (Naga) fängt gleich selbst an zu erzählen
und deswegen hier erst mal die Fakten: "Naga" ist eine
Schlange in der indischen Kultur, ausgehend von einem welterklärenden
Konzept. In diesem tauchen die Shiva-Krieger auf, deren Symbol die
Naga-Schlange ist. Das Konzept bezeichnet die zeitliche Entwicklung
einer/unserer Kultur. Die Ursprünge von allem liegen demnach
in einer naturellen, echten spirituellen Gesellschaft. Im Laufe
der weiteren Entwicklung entfernten sich die folgenden Gesellschaften
aber immer weiter davon. Das geschah in verschiedenen Perioden.
Doch es gibt die Verteidiger der ursprünglichen Kultur. Dies
ist die Aufgabe der Shiva-Krieger. Sie sind immer da.
"Ist es nicht interessant, sich darunter Chi vorzustellen?!"
gesteht Balázs lachend.
Und es gibt noch eine weitere Story: "Eines Morgens, ich wohnte
damals noch in den Bergen auf der Budaer Seite, fand ich eine Schlange
auf meinem Mixer. Ich war aufgeregt und wollte es unbedingt meiner
Freundin zeigen, aber als sie kam, war die Schlange schon weg"
- zisch, durch das offene Fenster! Reptilien sind auf der Budaer
Seite keine Seltenheit. - Ist Budapest nicht wunderbar?
Die Art, wie Naga von seiner Entwicklung berichtet, hinterlässt
bei mir den Eindruck, dass am Anfang von allem die Faszination stand
(ähnlich wie bei einem kleinen Jungen gegenüber dem unbekannten,
schillernden "Muss ich auch haben"-Gegenstand). Die Voraussetzungen
waren gut. Irgendwann, begann er in die Jazz-Plattensammlung seines
Vaters hinein zu hören. Dann kam er mit Leuten aus dem Clubleben
zusammen und wollte unbedingt auch Teil davon sein. Schließlich
musste er selbst Musik machen können. Eigentlich war er Dj,
arbeitete im Plattenladen, alles war ok. Aber da gab es diese Typen,
die drei Häuser weiter ihr Studio hatten, Musik machten, und
er stand im Recordstore rum. Er wollte selbst Musik machen und fand
mit Amb aka Déak Ambrus einen perfekten Partner. Der hatte
als ausgebildeter Drummer schon Erfahrung mit Instrumenten und Aufnahmegeräten.
Dass Naga trotz aller Faszination die Dinge sehr genau angeht, zeigte
sich dadurch, dass es ihm im Studio am Anfang vor allem um die Skills
an den Instrumenten ging. Das war 1998 und damit sind wir beim Label
Chi Recordings. Denn auch hier herrscht wohltuender Perfektionismus
vor, zumindest was das Programm angeht. Die bisherigen Veröffentlichungen
auf Chi sind jeweils Teil eines Gesamtwerkes, dass nicht nur damit
beschrieben werden kann: Wir veröffentlichen einfach unsere
aktuellen Produktionen. Ausgehend von den Bedingungen für ein
Indie-Label in Mittel- und Osteuropa ist das nicht zu unterschätzen.
Von Anfang an gab es wesentliche Facetten, die Naga aus drei Bausteinen
zum Label Chi zusammensetzte - dazu mehr im Folgenden.
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