Ein sonniger Frühlingstag, mit zahlenmäßig vielen aber bis zum Sonnenuntergang überraschend friedlichen Menschen auf den Budapester Straßen – so könnte man den ungarischen Nationalfeiertag vom 15. März 2007 mit einem Satz beschreiben. Trotz allen Befürchtungen liefen alle Feierlichkeiten und Kundgebungen verhältnismäßig ruhig ab – dass der liberale Budapester OBM Demszky während seiner Festrede („Wir haben keine Angst. (…) Wir friedliebende Demokraten - Konservative, Sozialisten und Liberale - sind die Mehrheit in diesem Land.“) zu Mittagszeit mit Eiern beworfen wurde, ist ja nix „Undemokratisches“, schließlich wurde er dabei nicht verletzt – er hatte genug Helfer um sich herum, die ihren Aufgaben, die Flugbahn der faulen Eier vor seinem Kopf mit schwarzen Regenschirmen zu unterbrechen, mit vollem Eifer nachgegangen sind – natürlich zur großen Heiterkeit des Publikums… Auch die Fidesz-Großkundgebung lief am Nachmittag auffallend friedlich ab. Vor mehreren zehntausend (angeblich waren es 200.000) Anhängern erklärte Oppositionsführer Orban, dass die Regierung Gyurcsany „von der Macht gescheucht“ werden könne, wenn sich die von der Fidesz initiierte Volksabstimmung gegen Reformvorhaben der Regierung Gyurcsany als erfolgreich erweisen wird. Orban nannte die für den Herbst erwartete Volksabstimmung eine „historische Chance“, um die linksliberale Regierung „zu verjagen.“

Mir ist die Ruhe während der Großkundgebung irgendwann unheimlich geworden und habe in die benachbarten Querstraßen einen Spaziergang gemacht, um zu gucken, was dort alles in Vorbereitung ist. Hauptquartier der „Unzufriedenen“ war das Haus der Ungarn, konkreter das Restaurant im Keller dieses Gebäudes. Vor dem Haus sah man auffallend viele Menschen mit Árpádflagge und gegen Ende der Kundgebung zogen von hier drei Männer mit einem Lautsprecher, geschoben in einem Kinderwagen (Typ „Baggy“), und einem Mikrofon fort und riefen die sonst ruhigen Kundgebung-Teilnehmer auf, in die Aradi utca weiter zu ziehen, weil dort die am Vortag bzw. am Vormittag des Feiertages festgenommenen Schlüsselfiguren der Demonstranten festgehalten werden – unter ihnen Gyula Budaházi, nach dem seit September 2006 gefahndet wurde, weil er angeblich den Sturm des Parlaments sowie des nahe liegenden Gebäudes des staatlichen Fernsehens geleitet hatte. Und tatsächlich: Der Nationalfeiertag endete gegen 22 Uhr mit einem Polizeieinsatz gegen die Anti-Regierungs-Demonstranten, zuerst auf der Andrássy utca, später auch am Oktogon und am Blaha. Aus Baugerüsten, Bänken und Müllkübeln wurden Barrikaden errichtet, und diese später in Brand gesetzt. Die Demonstranten wurden mit Wasserwerfern und Tränengas auseinandergetrieben. Die Krawalle blieben allerdings in ihrer Heftigkeit weit hinter den Unruhen vom vergangenen Herbst zurück. Die Polizei verhielt sich die ganze Zeit sehr konzentriert, mit den paar Hundert Demonstranten wurde extrem milde umgegangen, verletzt wurde kaum jemand. Kein Wunder: Nach den Auseinandersetzungen im Oktober wurde die ungarische Polizei mehrfach und international heftig kritisiert.

Ministerpräsident Gyurcsány wagte sich – trotz der provokativen und häufig wiederholten Kantate der Demonstranten „Wir wollen Gyurcsány“ - erst zum Abschlussakt des Festtages am Abend im Palast der Künste in die Öffentlichkeit und hielt eine Rede vor eingeladenen Promigästen. In seiner Rede vermied er die Opposition oder die Unruhen (die parallel zur Festrede ausbrachen) zu erwähnen („Auch das Schweigen hat Symbolwert“), zog aber eine Parallele zwischen 1848 und 2007: damals wie heute wären Reformen notwendig gewesen, die nicht auf den Straßen beschlossen worden sind, sondern am 15. März 1848 aus Wien/Bratislava (Wien als Hauptstadt der Habsburgen-Monarchie und Pressburg, wo der ungarische Reichstag damals seine Sitzungen abhielt) bereits per Schiff nach Budapest unterwegs waren und aktuell ja auch schon vorliegen würden. Ich denke, es gibt keinen Historiker im Lande, der mit dieser Aussage einverstanden wäre, hinsichtlich der Tatsache, dass im Vormärz 1848 eine „internationale“ Revolutionswelle über Europa hereinbrach und die Gründe der Unzufriedenheit sich mit den heutigen Ursachen der Unruhen kaum vergleichen lassen.
Schließlich handelte es sich damals um die „Geburtstunde der Nationalstaaten“, mit Forderungen wie Aufhebung der Zensur und der Leibeigenschaft sowie Bodenreform zugunsten der zuvor leibeigenen Bauern. Und sehr wohl hatte die „Straße“ als Ort der öffentlichen Kundgebung eine wichtige Bedeutung für den Erfolg der Revolution, weil Menschenmassen zu damaligen Zeiten nur auf diesem Wege mobilisiert werden konnten. Worte des Ministerpräsidenten: “Die Heimat bin nicht ich, die Heimat sind wir alle.”
Tags: Fidesz, Gyurcsany, Krawalle, Nationalfeiertag, Politik
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März 19th, 2007 at 3:15 pm
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