Ausland: Auf der Fidesz-Kundgebung am 23. Oktober war auch Wilfried Martens, ehem. Belgischer Ministerpräsident, anwesend und hielt eine Rede. Seine Worte: Der ungarische Wirrwarr sei wegen eines Menschen entstanden, der das Land in eine moralische und politische Krise geführt habe. Rasmussen, Chef der europäischen Sozialisten, fand, dass Martens mit seiner Rede versucht hätte, sich in die ungarischen innenpolitischen Angelegenheiten einzumischen…
Orbán ist unmittelbar nach den Feierlichkeiten in Budapest nach Straßburg gefahren, um dort auf der Gedenksitzung der Europäischen Volkspartei die EU aufzufordern, die Gyurcsány-Regierung nicht mehr zu unterstützen, weil diese eine verlogene, betrügerische Regierung sei, welche das moralische Erbe des Kommunismus noch immer hochhalten würde. (Im Lande löste seine Äußerung eine Lawine der Unzufriedenheit aus, weil seine Worte so interpretiert wurden, dass er die EU aufgefordert hätte, keine Fördermittel mehr aus dem Strukturfonds für Ungarn zu gewähren.)
Danach ist Orbán nach Berlin auf eine Veranstaltung der Adenauer-Stiftung gereist. Dort hat er auch Merkel getroffen. Über die Presse sendete er die Botschaft nach Hause, Gyurcsány solle zurückträten, weil er für die Krise verantwortlich sei. Von Merkel konnte Orbán keine Stellungnahme zu den Ereignissen in Ungarn herauspressen… Orbán traf auch Kohl in Frankfurt am Meer oder Berlin (habe untersch. Infos in der Presse gelesen), diesem Gespräch wurde aber Stillschweigen gewährt…
Inland: Der Bund der Landwirte (Fidesz-nah) plante mit Traktoren nach Budapest zu ziehen. Daraufhin lies Demszky (Budapester OB) überall Einfahrt-Verbotschilder für Traktoren aufhängen…
Heute ist der Jahrestag des Niederschlags der Revolution. Die Partei Fidesz rief ihre Sympathisanten zu einem Fackelzug auf, „zum Andenken an die Opfer der Revolution 1956 und des brutalen Polizeiangriffes 2006“. Ca. 50000 Menschen sind vom Haus des Terrors Richtung Heldenplatz marschiert. Die Organisatoren ließen keine Rechtsradikale mit Árpád-Flagge sich dem Fackelzug anschließen. Alles war sehr friedlich. Überraschend friedlich.
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November 14th, 2006 at 7:51 pm
Pingback from Breakout to Hungary · Judapest und viel mehr
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November 5th, 2006 at 5:15 pm
Mathias
Da sieht man mal: Mal sollte regelmäßig Zeitung lesen.
Habe mich in den letzten Tagen gewundert: Warum stehen den jetzt überall Verbotsschilder für Traktoren! Habe mich gewundert, mich gefragt ob das immer so war. aber naja.
Eih, die Situation in Ungarn weist immer krudere Züge auf. Wenngleich die Alltagssituation total normal ist. Dafür benehmen sich die Politker wie kleine Kinder. Parlament und Rathaus sind wohl im Moment die grössten Kindergärten auf der Welt.
Ach, übrigens kursiert selbst unter intelligent Fideszanhängern die Mär, dass unter den Polizisten, die am berüchtigten 23.10. in der Stadt unterwegs waren, wohl einige eine slawische Sprache sprachen. Soll heißen Gyurcsány hat russische Bullen angeheuert. Wie früher, die Seilschaften und der Ausverkauf Ungarns ans dunkle Russland.
Wenn es um die Verteidigung des wahren Ungarn geht, hören manche scheinbar Mücken bellen. Gehirnwäsche sag ich nur.
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November 13th, 2006 at 1:11 am
budapesti
Ich bin ein ungarn und lese hier überrascht einige Berichte, die anscheinend nicht aus dem mainstream Media kommen.
Die Gründe des Geschehens jetzt in Ungarn sind recht kompliziert. Zu euerem Verständnis nur soviel, dass die Menschen es einfach satt haben wieder wirtschaftlich Berg ab zu gehen. In 16 Jahren wurde in Ungarn alles gestohlen, die Multis verdienen viel mehr als in Deutschland, nur die Menschen viel weniger. Die jetzige kosmopolitische Regierung hat die Wahlen mit einem sozialprogram gewonnen, aber nach den Wahlen - mit der Aussage: wir haben Euch reingelegt, hehe - zieht eine neoliberale politik durch. Mit Hilfe -natürlich - der Medien. Dabei hat Audi gerade jetzt errieicht, dass seine Steuerfreiheit gesichert wird.
Dabei werden Menschen, die die nationale Identität wahren wollen, gleich als faschist eingestuft. Dazu gehört auch, dass in Budapest ( Judapest ) die grösste jüdiesche Gemeinschaft lebt, die jede Möglichkeit ergreift, die Menschen, welche die nationale Interessen vertreten wollen, gleich als nazi und faschist einzustufen. Das werdet ihr sonnst nirgends lesen.
Darüber hinaus sitzen in der sozialistischen Partei ( in der Regierung auch ) einige der die reichsten Männer Ungarns, die aus der korrupten Privatisierung reich geworden sind. Also, es reicht.
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November 13th, 2006 at 1:19 am
budapesti
nochmals kurz Zitat von oben:
“welche das moralische Erbe des Kommunismus noch immer hochhalten würde”
Die MSZP wird von Orban als kommunist beschimpft. Auch sehr viele linksstehende Menschen denken , dass die MSZP sozialist ist, und wählen die MSZP genau aus diesem Grund! Dabei führt die MSZP die Politik des Raubtierkapitalismus. Es ist also schön durcheinander, was aber nicht zufällig so ist.
Das ist “Die schöne neue Welt”.
Noch eine Korrektur für mich: “die grösste jüdische Gemeinschaft der EU”
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November 13th, 2006 at 6:59 pm
Lotti
Hi Budapesti,freue mich über Dein Kommentar! Irgendwie bist Du wahrscheinlich viel mehr als ich geeignet, das Sprachrohr der Ungaren in einem deutschsprachigen Blog zu sein. Inhaltlich teile ich Deine Meinung in vielen Hinsichten nicht, gebe aber gleichzeitig zu, dass die Mehrheit meiner ungarischen Freunde bei vielen Punkten auf Deiner Seite stehen würde…
Juden und Budapest: Es ist eine allgemein verbreitete Meinung, die man in Budapest öfters hört, dass die Hauptstadt von den Juden gesteuert wird. Nicht nur weil viele Kommunalpolitiker jüdischer Abstammung sind, sondern auch, weil die reichsten Bürger in Budapest angeblich Juden sind. Ob diese Aussage, die man wirklich häufig hört, stimmt, weiß ich nicht. Angeblich soll der Bürgermeister selber auch Jude sein, keine Ahnung. Dass er ein politisch liberal eingestellter Politiker ist, ist kein Geheimnis, er ist ja ein Mitglied der SzDSz. Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, einzusehen, warum ein Mensch nur weil er Jude, Buddhist oder Atheist ist, „anders“ (sprich besser oder schlimmer) sein sollte als ein anderer Mensch, der an einen anderen Gott glaubt. Genauso denke ich, wenn es um ethnische Zugehörigkeit oder sexuelle Orientierung geht. Irgendwo ist es doch Privatsache, oder? Und dass in Budapest die größte jüdische Gemeinde der EU leben würde, bezweifle ich. Kenne zwar keine statistischen Daten zum Thema, meine Erinnerungen an Antwerpen oder Amsterdam sagen mir aber, dass da viel mehr Juden leben.
Nationale Identität: schwieriges Thema. Die Bezeichnung „Faschist“ habe ich in den Berichterstattungen nicht gelesen, wir könnten uns aber vielleicht auf „Rechtsradikale“ einigen. Klar ist nicht jeder, der mit Nationalfahne auf die Straßen zieht, gleich rechtsradikal eingestellt. Dies wurde in den Beiträgen und Kommentaren auch mehrfach angesprochen und ist denke, spätestens seit der Fußball-WM ist dies auch in Dtl. akzeptabel…. Fidesz hat es am 4. November selber erkannt, dass ihre Anhänger schnell mit den Rechtsradikalen gleichgesetzt werden, weil sich die Truppen auf den Demos schnell vermischten. Deswegen griff Fidesz auf der letzten großen Demo am 4. November zur Strategie der Kordonen: Rechtsradikale durften nicht mitmarschieren. Allerdings finde ich, dass das nationale Bewusstsein in Ungarn stärker als in anderen Ländern ausgeprägt ist und der Nationalstolz irgendwie unbewusst über dem Kopf der meisten Ungarn schwebt. Dies sage ich aus der vergleichenden Perspektive, will aber damit Ungarn keinesfalls schlechter oder besser als andere Länder darstellen. Über die Gründe des Nationalstolzes haben wir uns auch schon öfters unterhalten: ich sehe sie primer in Trianon.
Du schriebst, „in 16 Jahren wurde in Ungarn alles gestohlen, die Multis verdienen viel mehr als in Deutschland, nur die Menschen viel weniger“. Da fällt mir extrem schwer, etwas darauf zu reagieren. Das Lebensniveau in H. liegt tatsächlich deutlich unter dem deutschen, und manche Multis (z.B. Telekom) haben tatsächlich gut investiert, bloß den Zusammenhang sehe ich zwischen den beiden Sachen nicht. Glaubst Du wirklich, dass wenn manche Großkonzerne noch immer im Staatseigentum wären, dann die Arbeiter mehr Geld verdienen würden?? Ohne Privatisierung hätten wir heute wesentlich weniger Arbeitsplätze, und zur Privatisierung braucht man Kapital. Wenn dieses notwendige Kapital bei den heimischen Investoren nicht vorliegt, dann holt sich der Staat das fehlende Geld aus dem Ausland. Ob dabei das Land „gestohlen“ wird, na ja, weiß nicht…
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November 14th, 2006 at 2:41 am
budapesti
Ich sagte, die Lage ist kompliziert.
Ich stehe links. Das heisst, ich bevorzuge eine Gesellschaft, welche im interesse der Massen gesteuert wird und nicht bloß im Interesse des Profits. Die beide Richtungen sind zwar nicht entgegengesetzt, zeigen aber doch zun ganz verschiedenen Zielen. Ich sehe es so - gleich mit vielen Anderen - daß unsere gemeinsame Probleme wie Armut, Naturverschmutzung etc. nur gemeinsam gelöst werden können. Es ist nicht richtig, wenn der Schwanz wedelt den Hund. Das Thema geht aber zu weit, hier behandeln zu können.
Ich weiss nicht, inwiefern Du die DDR gekannt hast und die Vereinigung Deutchlands miterlebt hast. Das war auch problematisch, Ungarn hat aber nicht die Interesse von Anderen gehabt - wie die DDR das von der BRD -, daß man in Ungarn Wohlstand erzeugt. In 89 waren in Ungarn fast alle Produktionsmittel im Staatseigentum - nicht im Volkseigentum!!!! -, heute praktisch nichts mehr, die ungarische “Kapitalisten” - die nur durch Korruption entstehen konnten - besitzen auch nur einen Bruchteil der Produktionsmittel. Dabei wurde die Infrastruktur nicht ausgebaut, die Ausbildung, das Gesundheitswesen stecken in der Sch…, und die Schulden sind das 3-4 fache als in 89. Die Masse lebt materiel schlechter als damals dafür aber ohne Sicherheit.
Wo ist das Vermögen verschwunden? Man weißt es, und das ist der Punkt, wo ich über Diebstahl rede.
Ich sehe die Problematik mit den Juden untergeordnet zum heutigen Kapitalismusfrage. Man könnte darüber doch viel diskutieren, es ist aber einfach so, dass man in Ungarn weißt, wir sind alleine im “slawischen Meer”, Ungarn bekommt keine Unterstützung - auch nicht, als zB. nach 89 man von Deutschland doch mehr erwartet hat bzgl. EU-Beitritts - und man langsam erkennt, ohne patriotische Verteidigung der eigenen Interessen wir nur Sklaven sein können im eigenen Land. Diese Vorstellung passt nicht zu dem - in erster linie- von den Juden vertretenen Kosmopolitismus. Da ist jetzt das eklatante Beispiel, wo die alte sogenannte “Àrpád-Fahne” ständig als faschistisches Symbol angegriffen wird, obwohl die auch heute ein regulärer Staatssymbol ist, und es ist nur ähnlich, aber nicht ident zu der Fahne der “Pfeilkreuzer” von damals. In Budapest leben angeblich um die 100.000 Juden ( 5% ), im Lande viel weniger. Ich weiß eigentlich nicht, wie viele in Amsterdam leben, die www.judapest.hu existiert aber nicht zufällig.
Viele sagen Budapest ist die mitteleuropische Judenrepublik. :)
Es geht also überhaupt nicht darum, ob die Juden schlechter oder besser sind. Es geht darum, sie haben spezifische Interessen, und sie verstehen diese Interessen mit allen - auch internationalen - Mitteln gnadenlos durchzusetzen. Hätten sie letzte Zeit mit der Masse zusammen gegen diese unmoralische Regierung demonstriert - nicht als einzelne, sondern mit eigenen Symbolen -, das hätte vielleicht eine Versöhnung bedeutet. Sie haben es aber nicht getan.
Verzeihe mir, Du solltest hie und da etwas tiefer und genauer schauen, Schlüsse, wie “wenn manche Großkonzerne noch immer im Staatseigentum wären”, sind zu schnell gefasst. Heute - Du hast vielleicht in den lezten Tagen gelesen - hat Audi seine Interessen gegen die Regierung durchgesetzt. Weil in Ungarn jetzt die Multis die Macht haben, nicht das Volkssuverän. Die Multis zahlen keine Steuer und machen was sie wollen. Das ist Raubtierkapitalismus, über sozialer Marktwirtschaft redet niemand mehr. Die Welt ist heute so - leider -, dass an die Profitgier alle ausgeliefert sind. Es gibt aber viel mehr Spielraum für die Menschen, der Staat muss dazu nicht nur die Gewaltorganisation der globalisierten Kapitals sein. Zur Zeit ist dieser Staat vollkommen Korrupt.
Auch in Westeuropa wird das Soziale System mit der Salamitaktik abgebaut, das Kapital hat keine Interesse mehr - seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion -, die Menschen in grösseren Wohlstand zu halten, als zB. in Indien.
Es ist also nicht nur ein ungarisches Problem, was da passiert, aber die Ungarn kennen noch ein wenig das Vorherige System - mit allen seinen Bösheiten auch - und jetzt ist der Punkt erreicht, wo es klargestellt wurde, die Menschen sollen keine Hoffnung auf einen bescheidenen Wohstand haben.
Na ich gehe schlafen, habe eigentlich nicht viel Zeit für so etwas. Es ist mir nur aufgefallen, dass hier nicht ganz die offizielle Meinung verbreitet wird. Weil die Regierung wird jetzt auch im Westen wegen Brutalität, Menschenrechtswidrigkeit etc. nicht wirklich angegriffen. Vor 89 wären noch die selbe Taten sehr böse. Jetzt nicht mehr.
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November 14th, 2006 at 12:19 pm
Lotti
Nicht nur die Lage ist im Moment in Ungarn schwer, sondern auch Dein comment, weil Du auf einmal so viele Sachen ansprichst. Judapest: habe die Site gecheckt, ist im Aufbaustadium und praktisch ohne Inhalt. Fällt mir daher schwer, über die Seite eine Meinung zu fassen… Warum ist es schlimm, wenn eine religiöse Gruppe eigene Website mit Programmtipps haben will? Nur weil es hier um die Juden geht und nicht z.B. um die Protestanten? Warum liegen die Juden besser oder schlechter als andere Religionen, wenn es um die Gewinnorientierung oder Zusammenhalt geht? Lesetipp: Die protestantische Ethik von Max Weber. Weber beschreibt da, wie eine „antikapitalistisch“ gefärbte Bewegung zur Durchsetzung des modernen Kapitalismus beiträgt, und stellt fest, dass das Gewinnstreben zum Motor des entwickelten Kapitalismus geworden ist. Dieser Kapitalismus hat sich aber seiner religiösen Wurzeln bereits wieder entledigt. Verstehst Du was ich damit meine? Kapitalismus hat ein Ursprung, der sehr weit in der Geschichte zurückliegt. Es ist ein Prozess, den Du nicht einfach aufs Konto einer religiösen Gruppe schreiben kannst, nur weil Dir die Juden und das Judentum nicht sympathisch sind. Budapest soll bunt werden (ist ja schon Gott sein Dank), und wir sollen alle zur Chanuka-Feier gehen, weil es dort immer gutes Essen und lustige Musik gibt. :-)
Slawisches Meer: Herder hatte Bedenken, dass Kleinstaaten untergehen würden, weil sie keine Chancen gegenüber Großmächte hätten. Dies wird in Ungarn bis heute so interpretiert, dass kleinere Staaten wie Ungarn Angst vor den umliegenden größeren Nachbarstaaten haben müssten. Dazu kommt noch die Russophobie, bzw. der Angst davor, dass die slawischen Staaten sich zu einem großen Slawenreich unter russischer Führung zusammenschließen könnten. Würden wir im späten 18. Jahrhundert leben, so wie Herder, als z.B. Mitteldeutschland noch aus mehr als 20 Kleinstaaten bestand und als es noch einen russischen Zaren mit Expansionsplänen gab, dann würde ich das Bedenken verstehen. So sagt mir aber die Aussage „wir sind alleine im “slawischen Meer”“ wenig. Wozu und von wem erwartest Du Unterstützung? Dtl. war unser größter Befürworter, als es um den EU-Beitritt ging. Schneller hätten wir aber nicht beitreten können, weil die Mitgliedschaft nicht nur bloß eine politische Festakt ist. Vieles musste umgestellt, reformiert, aus- und umgebaut werden, diese Diskussion führt uns aber tatsächlich weg vom ursprünglichen Thema.
Du schreibts, dass wir „ohne patriotische Verteidigung der eigenen Interessen nur Sklaven im eigenen Land sein können“. Zum Patriotismus gehört, dass man objektiv einschätzt, was man hat und was man Wert ist. Dazu gehören Bereichen, in denen man besser, und andere, in denen man schlechter als die Anderen ist. Gerade mit dem letzteren Punkt haben wir, Ungarn, Probleme. Wir wollen immer die Besten sein, damit wir dann stolz auf den Brust schlagen können, dass wir die Champions sind. Wenn es aber dem Land oder den Bürgern wirtschaftlich gerade nicht so gut geht wie anderen, dann kommt die Schuldzuweisung. Nach der Wende waren wir die Spitzenreiter, damals herrschte Frieden im Land. Jetzt geht uns schlechter, dann hört man gleich von „moralischer Krise“. Schuld an der Geschichte sind aber natürlich nicht wir selber, sondern die Juden, oder gar die ausländischen Räuber, die alles aufgekauft haben. Uns ist nur die ungarische Bahn geblieben, die behalten wir uns, weil die uns strategisch wichtig ist. Und weil es ihr im Staatseigentum so gut geht…
Dein Deutsch ist gut, daher denke ich, dass Du schon mal in Dtl. oder Österreich gelebt hast. Jetzt lebst Du in einer Weltstadt. Für mich sind das Merkmale eines Kosmopoliten: weltoffen und neugierig gegenüber andere Kulturen sein, gleichzeitig aber wissen, wo man herkommt, und auch das schätzen können. Sonst hat das Wort „Kosmopolitismus“ keine Bedeutung für mich. Was soll das sein, was Du dabei so verurteilst?
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November 14th, 2006 at 7:04 pm
kiesl
Interessant ist welche Mentalitaet Budapesti hier repraesentiert. Tut mir leid, wenn ich dich damit auf den Seziertisch lege, wie einen Untersuchungsgegenstand. Aber du praesentierst wirklich, die Mentalitaet die das Seelenbild eines grossen Teils der protestierenden Ungarn widerspiegelt. An alle draussen, die Ungarn und deren Seelenleben nur -entschuldigt - vom Balaton oder der Fischerbastei kennen, hier habt ihr es vor euch liegen.
Budapesti - ich habe in den vergangenen Tagen oft mit anderen Ungarn über ähnliche Themen diskutiert, und wir sind zu keinem Ergebnis und Einigung gekommen. Aber deine Ansichten sind teilweise sehr waghalsig. Was forderst du, basierend auf deiner Analyse. Oke, Gyurcsany der Luegner soll weg. Und was passiert dann. Wie sieht fuer dich ein zukuenftiges Ungarn aus, bzw. welches Ungarn entspricht deinen Vorstellungen? Sag jetzt bitte nicht: eines ohne Korruption, in dem alle an einem Strang ziehen und rationelle, faire Entscheidungen durch Experten getroffen werden(davon traeumte man schon im alten Griechenland). Das ist nicht konkret, idealistisch und ich sage dir auch undemokratisch.
Bitte noch einen Satz. Lass dir nicht den Kopf mit der Judenverschwoerungstheorie in Ungarn waschen. Das Thema laesst sich zwar gut aufbauschen. Ganz davon abgesehen, das eine empirische Studie wahrscheinlich allen Wind aus den Segeln einer Judenverschwoerung in Ungarn nehmen wuerde, zitiere ich hier gerne Imre Kertesz (a picsaba: der ist ja auch ein Jude): 1944, 45 hat auch niemand alle Christen beschimpft, weil die Pfeilkreuzler, ja Hitler Christen waren. Pass bitte auf, mit der kinderleichten Instrumentalisierung von Rassismus.
Nimm mal die aktuelle Kaczynski-Regierung in Polen. Die Kaczynskis haben das neue gerechte Polen Hoch vier versprochen. Ein wesentlicher Teil ihrer visuellen Politik besteht aber darin, Homosexuelle zu jagen. Warum offiziell: weil Homos die Gefahr und Chaos fuer das ordentliche Polen bedeuten und damit fuer die polnische Dreckrealitaet mitverantwortlich sind. Ich frage dich: Glaubst du wirklich, dass eine solche Minderheit wirklich zu sowas faehig ist. Und damit zum wahren Hintergrund der Unruhe um die Homos. Die Kaczynskis brauchen das, um ihren Waehlern aktive, durchgreifende Handlungen vorzugaukeln. Und damit sind wir beim Grundproblem: Heutige Politiker sind nicht faehig konkrete Taten durchzusetzen, die soziale Verbesserungen unter Beachtung makrowirtschaftlicher Realitaeten bedeuten. Und heutige Politiker muessen und daran sind auch wir Waehler und vor allen die Medien schuld immer hoehere Erwartungen aufbauen, die niemand erfuellen kann.
Das sie dabei gegen die Menschenwuerde verstossen(Bsp. Minderheiteninstrumentalisierung), ist niedertraechtig.
Und du kannst nicht wirklich pauschal sagen, ob der oder jener Unternehmer, jener ethnischen oder sonstwas Gruppe rechtmaessig zum Reichtum gekommen ist und die einer anderen nicht.
Mein Hinweis an dich: Lass dich nicht instrumentalisieren, schau ueber den Tellerrand, hinterfrage Dinge und - ganz wichtig - glaub an kleine Dinge, “die ohne was zu kosten, ganz viel Freude machen”
So wie hier:
www.abvmob.de/fukkle/katzencontent-plagwitz/
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November 14th, 2006 at 7:29 pm
Lotti
Ich werde jetzt ein wenig persönlich: wenn man sich vom Armut wegdreht und in eine Gegend zieht, wo es keine Obdachlosen auf der Straße gibt, heißt es noch lange nicht, dass das Problem gelöst ist. Daher: bitte-bitte Budapesti, bleib uns erhalten!! Und äußere Deine Meinung frei!
Kiesl: Homosexualität hat Budapesti mit keinem Wort angesprochen!! Sein Kommentar war schon komplex genug, bitte nicht auch noch das reinziehen.
Budapesti hat mit dem Judenhass ein sehr wichtiges und top aktuelles Thema angesprochen. Ich verstehe allerdings nicht, woher der ganze Hass kommt. Eine mögliche Begründung seh ich darin, was ich oben mit der Schuldzuweisung angesprochen habe. Vielleicht kann uns aber Budapesti bei der Fahndung nach möglichen weiteren Gründen helfen. Wie siehst Du sie denn, die Budapester Juden? Halten sie wirklich so sehr zusammen, dass sie anderen Unternehmern keine Chance zum wirtschaftlichen Überleben lassen?
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November 14th, 2006 at 8:11 pm
kiesl
Das Thema Homosexualitaet will ich hier nicht ansrpechen, sondern nur auf die politischen Instrumentalisierung von Stereotypen und Mythen hinweisen.
Ich fuege auch an: Budapesti, aeussere deine Meinung frei, aber schau trotzdem ueber den Tellerrand.
An einem tieferen soziologischen Einblick in das ungarische, juedische Geschaeftsleben bin ich auch interessiert.
Worin liegen denn die Hintergruende des Brennpunkt-Problems der Obdachlosigkeit in Budapest. Ich glaube nicht unbedingt, dass der Raubtierkapitalismus die Grundlage dafuer ist.
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November 17th, 2006 at 10:00 am
kukuruz
Mir fällt zu der Diskussion zuallererst ein schönes Gedicht von Sándor Weöres ein:
Antischmächtig
Am Ende zeigt sich: an allem sind die Schmächtigen schuld. Sie stehen in einer Gasse im Hinterhalt, und wenn eine alte Frau kommt, grüßen sie nicht. Ihre größte Sorge ist es, den Strohhut gegen Lotterielose auszutauschen und in Europas Gewässern Krokodile einheimisch zu machen, aber auch darin liegt keine Sicherheit. Morgens im Bett beginnen sie ihre Umtriebe, nachher gehen sie auf die Straße. Manche begeben sich ins Amt, andere sind zum Schein Kellner oder Schlosser: denn alle maskieren sich. Aber ihr wahres Handwerk ist die Schmächtigkeit. Am Ende zeigt sich: an allem sind etc.
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November 18th, 2006 at 10:49 pm
Lotti
Kukuruz, Du überraschst mich immer wieder sehr positiv! Geniales Gedicht - großartige Parodie. Hinter dem zum Schein Lächerlichen steckt das Gefährliche . Danke!